Warum LUA

Jede Hunderasse, wie wohl auch jede menschliche Familie, trägt oder hat akut einen oder mehrere Gen-Defekte, die in der Zucht bedacht werden müssen / sollten.
Beim Dalmatiner sind dies ein hohes Maß an Harnsäure im Blut und Urin, in der Zucht außerdem zu bedenken sind einseitige oder beidseitige Taubheit und Haut- / Fellprobleme.

Menschen und Menschenaffen scheiden normalerweise Harnsäure im Urin aus, statt sie zu Allantonin abzubauen - wie die meisten anderen Arten von Säugetieren, einschließlich der Hunde.
Menschen können an Gicht leiden, wenn der Harnsäurespiegel im Blut zu hoch ist.
Die Harnsäure kristallisiert in den Gelenken, die sich dann entzünden.
Harnsäure kristallisiert auch im Urin und kann so Nieren- und Blasensteine ​​bilden.
Die Niere eines Hundes ist im Ausscheiden von Harnsäure aus dem Blut effizienter als die des Menschen. Deshalb entwickeln Dalmatiner keine Gicht, aber durch das erwähnte hohe Niveau an Harnsäure im Urin und im Blut (
Hyperurikosurie) laufen sie Gefahr an (Urat-) Nieren- und Blasensteinen zu erkranken.

Die Dalmatinerzucht und das Backcross-Projekt

Man stellt sich in diesem Zusammenhang vielleicht die Frage, ob ein weiteres Zucht- bzw. Rassemerkmal nun wirklich nötig ist. Der Dalmatiner zählt generell zu einer gesunde Rasse, aber mit Fleckung, verschiedenen Farbschlägen, Blauaugen, Platten und eventueller unilateraler oder bilateraler Taubheit hat man als Züchter doch wirklich schon genug Faktoren, die die Zucht dieser Rasse nicht gerade erleichtern.
Wenn man jedoch den gesundheitlichen und nicht den optischen Aspekt betrachtet, so kommt man um die Erwähnung der Hyperurikosurie nicht herum. Es ist eine Tatsache,
dass der Dalmatiner ein HUU mutiertes Gen SLC2A9 trägt
Die Aufgabe eines Züchters sollte es definitiv sein, die Rasse durch Selektion langfristig zu verbessern.

Es scheint im ersten Moment einen Zusammenhang zwischen dem Gen für einen hohen Harnsäurespiegel und der Fleckung bei Dalmatinern zu geben, was erklären würde, dass das Fehlen des Gens versehentlich in der Rasse-Entwicklung selektiert und so verbreitet wurde. Manche LUA Dalmatiner haben beispielsweise kleinere, nicht klar abgegrenzte Flecken. Da diese Fleckung jedoch ebenfalls bei zahlreichen HUA Dalmatinern auftritt (Abb1.), und sie durch Selektion gut verbessert werden kann, ist dieser Zusammenhang nicht gegeben. (1)

Abb1:Sprenkel-Fleckung eines reinrassigen HUA FCI Dalmatiners
mit sehr bekannten und auf Shows sehr erfolgreichen Ahnen)
HUA - HUA - LUA (v.l.n.r)
HUA Fleckung variiert in Größe oder Qualität genauso wie die von LUAs

In der LUA-Bildergalerie sieht man, dass es durchaus auch bei den LUAs eine schöne, ausreichend große Fleckung gibt. Wie bei "normalen" HUA Würfen auch, wird es sicherlich immer wieder beides geben, die Sprenkel sind genetisch in der Rasse verankert und nicht im LUA-Gen.

Hierzu ein Auszug aus dem Forschungsbericht "The Genetic Correction of Health Problems" von Robert H. Schaible, Ph.D., erschienen im Jahr 1981 (3):

"..."
Dalmatiner werden gewöhnlich mit weissem Fell geboren, da diejenigen Hunde, die Pigment-Platten (große Flecken wie die der englischen Pointer und des Epagneul Breton) haben, normalerweise nicht zur Zucht verwendet werden. Viele der dalmatinertypischen Flecken sind bei der Geburt auf der Haut präsent, aber sie sind im Haarkleid bis zum Alter von etwa zwei Wochen nicht sichtbar. Die Flecken werden vollpigmentiert. Wenn überhaupt, dann sind die Flecken mit wenigen weissen Haare durchsetzt. Offenbar werden fast alle sich auf den Flecken befindeten bei Geburt weissen Haare durch pigmentierte Haare, als Flecken im Fell ersetzt.
Die dalmatinertypische Fleckung ist in vielen Jagdhunderassen zu finden, wird jedoch "ticking" (Sprenkel) genannt. Man vermutet, dass Sprenkel und dalmatinertypische Fleckung von demselben Gen verursacht bzw. beeinflusst werden (Little, 1957). Die Sprenkel-Flecken anderer Rassen unterscheiden sich von den dalmatinertypische Flecken, indem sie kleiner und gänzlich mit weissen Haaren durchsetzt sind.
Offenbar werden bei anderen Rassen die weissen Haare des Geburtsfells bei der Entwicklung bzw. Formung der Flecken nicht mit pigmentierten Fell ersetzt.
Trimble & Keeler (1938) nahmen an, dass das Nicht-Vorhandensein von weissen Haaren in dalmatinertypischer Fleckung in Zusammenhang mit einen Stoffwechselstörung von Harnsäure steht, nicht nur bei der Rasse der Dalmatiner, sondern auch bei Nachzucht von Dalmatiner-Collie Hybriden, welche mit reinrassigen Dalmatinern rückgekreuzt wurden.
In Folge dessen wurden bei der Backcross Nachzucht weisse Haare in dalmatinertypischer Fleckung (Stichelhaar) mit normalem Harnsäure Stoffwechsel assoziiert. 
1971 und 1972 wiederholte ich die Kreuzungen von  Trimble & Keeler und fand heraus, dass dieselben Verbindungen meist, jedoch nicht immer bei der Nachzucht auftauchten. Weil die Fell-Beschaffenheit von Collies und Dalmatinern sich jedoch so sehr unterscheidet, war es möglich, dass der Fell-Unterschied einen Effekt auf die Verteilung der weissen Haare in den dalmatinertypischen Flecken der Backcross-Nachzucht haben. Der Collie war nicht die beste Rasse-Wahl für eine genetische Analyse.
1973-1976 wiederholte ich die Zuchtexperimente erneut, der Dalmatiner wurde jedoch mit seinem nahesten Verwandten, dem Englischen Pointer verpaart, um die genetischen Unterschiede bis auf das Gen-Paar zu minimieren, welches den Harnstoffwechsel kontrolliert (Schaible 1973). Die Hybrid-Nachzucht hatte einen einen normalen Harnstoffwechsel und kleine, mit weissen Haaren durchwachsene Sprenkel-Flecken. Als die Hybriden mit Dalmatinern rückgekreuzt wurden, hatten 16 von den 36 (fast die erwarteten 50%) einen normalen Harnstoffwechsel. Aber 5 der 16 waren Ausnahmen in Bezug auf die Beobachtungen von Trimble & Keeler, da diese 5 Hunde keine weissen Haare in der dalmatinertypischen Fleckung aufwiesen.

Folgende Annahmen resultieren auf diesen Ergebnissen:

(1) Das Nicht-Vorhandensein von weissen Haaren in dalmatinertypischen Flecken ist kein zusätzlicher Effekt des Gens, welches für den genetischen Harnstoffwechseldefekt verantwortlich ist.

(2) Das Ausbleiben weisser Haare in dalmatinertypischen Flecken ist ein Effekt eines seperaten rezessiven Gens

(3) Der Genlocus (Genort, die physische Position eines Gens im Genom) beider Gene liegt nahe beieinander bzw ist eng verbunden auf demselben Gen

(4) Das Ausbleiben von weissen Haaren in dalmatinertypischen Flecken und der Harnsäure-Stoffwechsel-Defekt sind mit der Rasse der Dalmatiner verbunden, weil das Gen für den Harnsäure-Gendefekt, statt dessen normaler Allele, zufällig gemeinsam mit dem Gen, welches für das Nicht-Vorhandensein von weissen Stichel-Haaren beim primären Ur-Ahn bzw. Stammvater präsent war.
Da Selektion auf das Ausbleiben weisser Stichelhaare das verantwortliche Gen bei allen Rassevertretern homozygot werden lies, wurde das Gen des Harnsäure-Defekts wegen der engen Verbindung auf demselben Chromosom versehentlich ebenfalls homozyogot.

Der 4. Punkt ist spekulativ aber die Umstände sind wahrscheinlich.

1940 versuchte Keeler Dalmatiner in England und auch in Amerika zu finden, die den Harnsäure-Defekt nicht haben, war jedoch erfolglos. In den folgenden 40 Jahren wurden Dalmatiner für Demonstrationen und Forschung in medizinischen Fakultäten wiederholt verwendet, da ihr Harnsäurespiegel im Urin ungefähr der gleiche wie der des Menschen ist. Alle diese Dalmatiner wiesen den typischen erhöhten Harnsäurespiegel im Urin auf.

Dem (aus der Reinerbigkeit des Gens für Harnsäure-Stoffwechselstörung resultierenden) hohen Harnsäurespiegel eindeutig zuzuweisen sind unglücklichertweise zwei ernstzunehmende Gesundheitsprobleme.
Diese sind
- eine einzigartige Form der Dermatitis (Nesselsucht) und
- die Urat Form von Harnsteinen (Blasensteine ​​und Nierensteine​​).

Es scheint etwas Zweifel daran zu existieren, dass beide gesundheitlichen Probleme zusätzliche Effekte des Gens sind, welches verantwortlich für den Defekt des Harnsäurestoffwechsels ist. Die Reduzierung des Harnsäurespiegels in Blut und Urin durch die Gabe von Allopurinol und Umstellung auf eine Fleisch-freie Diät lindert die Symptome von sowohl Steinen als auch Dermatitis. (Lowry et al 1973). Eine solche Behalndlungstherapie wird bei einigen Dalmatinern als nötig angesehen und von den meisten erfahrenen Züchtern als normale Lebensweise akzeptiert.
Wie auch immer, für die meisten Familien ist dieser Umstand und Haltungsaufwand mehr als sie es bereit sind aufzubringen

Dalmatiner mit subklinischen Fällen von Harnsteinen und Dermatitis ("leicht verlaufende Fälle" bzw. im übertragenen Sinn "klinisch nicht oder nur schwer erkennbar") tragen wesentlich zur Verbreitung der Gesundheitsprobleme bei. Nierensteine können bei einer Autopsie von Dalmatinern gefunden werden, die scheinbar ihr Leben lang gesund waren. Ein großes Hindernis bei der effektiven Selektion ist der relativ späte Ausbruch beider Leiden bei solchen Tieren, die Symptome entwickeln. Die meiste Symptome treten beim Dalmatiner erst ab dem Alter von einem Jahr auf. Züchter möchten nur ungern Tiere aus der Zucht nehmen nachdem sie sie aufgezogen haben und auf deren beste Show-Aussichten selektiert haben.
Obwohl der Züchter bei einem akuten Anfall einer der Krankheiten möglicherweise ernsthaft das Entfernen des Hundes aus der Zucht in Betracht zieht, lässt seine Entschlossenheit dies zu tun in der Regel nach, sobald der Hund seine Gesundheit wiedererlangt hat und wieder gute Showerfolge im Ring vorweist.
Die meisten Züchter, die sich nicht dazu durchringen könnten, betroffene Tiere aus der Zucht zu nehmen, könnten diese Entscheidung wahrscheinlich sehr wohl treffen, wenn es möglich wäre, wahrscheinlich später einmal betroffene Hunde bzw. Welpen im Alterr von 6 Wochen zu identifizieren.
Obwohl keine Methode bekannt ist, mit welcher alle Dalmatinerwelpen identifiziert werden  können, die eventuell einmal Symptome von Harnsteinen und/oder Dermatitis entwickeln, gibt es ein relativ einfaches Zuchtprogramm, welches es die Selektion von solchen Welpen ermöglicht, die keine Symptome entwickeln werden. Solche Welpen könnten gezüchtet und identifiziert werden, wenn das normale Gen, welches verantwortlich für den Stoffwechsel von Harnsäure zu Allantoin ist, für das defekte Allel bei einigen Individuen der Rasse der Dalmatiner ersetzt werden kann. Dies ist bekanntermaßen möglich.

Die Zucht von 5 Welpen, die im Rahmen des Backcross-Experiments einen normalen Harnstoffwechsel und keine weissen Stichelhaare in der dalmatinertypischen Fleckung hatten, bewies, dass das Gen für den Defekt der Harnstoffwechsels (also das mutierte Gen) nicht nötig ist, um die Fleckung zu erreichen, wie sie im Dalmatiner-Rassestandard beschrieben wird.
Darüber hinaus würde das normale Allel für den Stoffwechsel von Harnsäure zu Allantoin die vorherrschende Form der Dermatitis beseitigen und somit das Erreichen des Fells erleichtern, wie es in der überarbeiteten Version des Standards beschrieben wird, die zur Zeit (1981) vom DCA überarbeitet wird. Der vorgeschlagene Wortlaut ist "glatt und glänzend im Aussehen, das Fell ist in gesundem Zustand, frei von Makel."

1976 informierte ich den Aufsichtsrat des DCA darüber, dass ich die Zucht von Hunden anstreben würde, die wie die meisten Dalmatiner mit Showqualität, dem Rassestandard entsprechen würden, aber die auch einen normalen Harnsäurestoffwechsel haben würden.
Von den 5 außergewöhnlichen Welpen, die der Rückkreuzung der Dalmatiner-Pointer-Hybriden entstammten, wählte ich denjenigen, der dem Rassestandard am besten entsprach und kreuzte ihn mit einem registrierten Dalmatiner. 50% der Welpen hatten einen normalen Harnsäurestoffwechsel und hatten eine durchweg dalmatinertypische Fleckung ohne weisse Stichelhaare.
Dieselbe Prozedur wurde über zwei weitere Genationen fortgeführt, bis Rückkreuzung vier.
Die Ahnentafel der Nachzucht der 4. Backcross-Generation zeigt den Englischen Pointer als einen der 32 Vorfahren in der 5. Generation, die anderen 31 sind registrierte Dalmatiner. Somit ist die Nachzucht der vierten Rückkreuzung 31/32 Dalmatiner. Das Fleckmuster und der allgemeine Typ verbesserte sich mit jeder Rückkreuzung bis zu dem Punkt, dass die Nachzucht der 4. Rückkreuzungs-Generation nicht mehr von "reinrassigen" Dalmatinern zu unterscheiden sind. Obwohl 10 der 12 Welpen des Dalmatiner-Pointer-Wurfes eine Platte hatten, reduzierte sich die Anzahl der Platten auf 1 von 13 in dem Wurf der 4. Rückkreuzung. Diese Anzahl liegt absolut im normalen Bereich für Dalmatiner und ist weniger als der Durchschnitt. Der AKC (American Kennel Club) zieht die Registrierung des Rüden und der Hündin auf Abb. 3 und 4 in Betracht* damit Züchter die Möglichkeit haben, Dalmatiner zu wählen, die einen normalen Harnsäure-Stoffwechsel haben. "..."


*Dem Registrierungs-Antrag von Robert Schaible wurde 1981 vom AKC stattgegeben.


Nach der Veröffentlichung dieses Forschungsberichts veröffentlichte der AKC folgende Mitteilung des Geschäftsführers, um den Forschungsbericht von Dr. Schaible anzukündigen:

"Der folgende Artikel beschreibt eine 10-Jahres-Forschungs-Studie von Dr Robert H. Schaible über einen ernsten Gendefekt bei Dalmatinern.
Er legt die Grundlage für den Antrag auf Eintragung von zwei Wurfgeschwistern, einem Rüden und einer Hündin. Diese Welpen sind die fünfte Nachkommensgeneration einer Dalmatiner-Pointer Verpaarung. Ein Fünf-Generationen-Stammbaum dieser Hunde zeigt bis auf einen der 32 Vorfahren, den Pointer in der 5. Generation, ausnahmslos registrierte Dalmatiner.

Am 10. Februar 1981, während der Sitzung des Board of Directors des American Kennel Club, wurde Dr. Schaible's Antrag auf Eintragung genehmigt und der Rüde und die Hündin werden als Dalmatiner registriert werden.

Wenn es einen logischen, wissenschaftlichen Weg gibt, die genetischen Gesundheitsprobleme, die mit bestimmten Rassemerkmale assoziiert werden zu korrigieren und hierbei noch die Integrität des Rassestandard bewahrt wird, obliegt es dem American Kennel Club, diese Richtung zu weisen.

William F. Stifel
President, American Kennel Club

Seit dem 01.11.2011 werden NUA/LUA Dalmatiner nun offiziell im AKC (American Kennel Club) registriert und sind somit FCI anerkannt. Dies ermöglicht es, das LUA Gen den europäischen Zuchtlinien zuzuführen und somit die Rasse zu verbessern.

Was spricht dagegen? Sind doch alles Mischlinge!?

Ja, das sogenannte Backcross Projekt basiert auf der Einkreuzung eines Pointers. Man sollte jedoch wissen, dass das LUA-Zuchtprogramm mittlerweile bei der 14. Generation angekommen ist. Der Pointer-Anteil in den heutigen Hunden ist also verschwindend gering.

Und ist nicht jede Rasse über Jahrhunderte durch die Mischung verschiedener Rassen und durch Selektion entstanden? Im Prinzip sind also alle irgendwo in der Wurzel Mischlinge.

EINE einzige Dalmatiner-Pointer-Verpaarung im Jahr 1973 hat das Backcross-Projekt ermöglicht, und wir haben nun seit Herbst 2011 die Möglichkeit, von den Bemühungen und Anstrengungen (sicherlich auch einer Menge Schweiß und Tränen) der engagierten Züchter in den vergangenen Jahren zu profitieren - hoffen wir, dass die Vereine nicht zuchtverhindernd agieren und sich sträuben - hoffen wir außerdem, dass diejenigen, die sich zur Einkreuzung des LUA Gens entscheiden, sehr bewusst, sorgfältig und feinfühlig damit umgehen, damit nicht wieder oder mehr Fehler in Sachen Selektion begangen werden. "Hauptsache LUA" ist nun auch wieder nicht Sinn der Sache!


Quellen:
(1) „The Great Debate LUA“ von Ron Zimmerman, Mitglied Dalmatiner Club von Amerika (AKC / American Kennel Club)
(2) http://www.nuadalmatians.com
(3) http://www.dalmatianheritage.com/about/schaible_research.htm

Linksammlung:
http://www.nuadalmatians.com
http://www.luadalmatians.com